Bewegend, nachdenklich, manisch

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Kreis-Anzeiger, 23.04.2018

Gewinner des Jugend-Literaturpreises lesen in der Limesschule in Altenstadt

ALTENSTADT – (red). „Wir kriegen das hin“, sagt der Vater zu Erik. Der Junge tickt nicht so, wie es der Vater möchte, wie es „normal“ ist. Er spielt zum Beispiel in Mamas Kleiderschrank mit deren Seidenstrümpfen. Wenn ihn der Vater dabei erwischt, sagt Erik: „Ich spiele Krieg im Dunkeln.“ Da lächelt der Vater nur und drängt Erik zu einer Freundschaft mit Rico, dem Sohn eines Arbeitskumpels. Der soll Erik auf die richtige Spur bringen.

„Wir sind Männer!“ heißt die Kurzgeschichte des 17-jährigen Timothy Heinle aus Ranstadt. Diese bewegende wie nachdenkliche Geschichte, die mit einer Pointe endet, trug er jetzt Schülern der Limesschule in Altenstadt vor. Denn mit diesem Text überzeugte Heinle die Jury des Jugend-Literaturpreises der Ovag im vergangenen Herbst, die ihn unter die insgesamt 23 Preisträger wählte. Und diese wiederum lesen in diesen Wochen ihre ausgezeichneten Texte an knapp 40 Schulen in Oberhessen.

Es sei die Geschichte eines Freundes, sagte Timothy Heinle, als er eine von vielen Fragen der Schüler beantwortet. Ein Freund, der mittlerweile in die USA ausgewandert sei, weil er die Erwartungen, die in Deutschland an seine Person und an sein Geschlecht gestellt wurden, nicht erfüllen konnte. Und weil er dem daraus entstandenen Druck nicht mehr standgehalten habe.

Timothy Heinle war nicht allein gekommen. Neben ihm auf dem Podium saß die 21-jährige Laura Nold aus Grünberg. „Morgens bin ich immer müde“ heißt die Geschichte der Studentin. Eine Klage, die vielen – sei es Schülern oder Berufstätigen – nicht unbekannt ist. In der Geschichte gewinnt dieser Seufzer jedoch eine dramatische Dimension: Ihre Figur ist eine manisch Besessene, die jede Nacht nach dem gleichen Ritual, das sich an bestimmte Uhrzeiten und Zahlen klammert, die Straßen ihrer Stadt abläuft. Sie ist derart vertieft in ihr Tun, dass sie sogar die Vergewaltigung einer Frau an einer Tankstelle kalt lässt.

Auf die Idee zu ihrer Kurzgeschichte kam Laura Nold, als sie an einem späten Abend in Grünberg erstaunt feststellte, dass eine Ampel von Rot partout nicht auf Grün umsprang. „So kam mir zunächst der Gedanke, eine Geschichte über Ampeln zu schreiben. Zudem habe ich seit jeher ein Faible für Außenseiter“, sagte sie.

Die 21-jährige Ronja Wolf aus Glauberg brachte mit „Leerling“ eine Mischung aus Legende oder Mystery-Geschichte mit. Sie handelt von einem Fremden, der sich vor einem Dorf versteckt und einen Einheimischen um Essen bittet. Geht von dem Fremden eine Gefahr aus, wie es die Erzählungen der Alten nahelegen? Welches Geheimnis mag er wohl haben?

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Antworten auf diese Fragen bekommt man, wenn man das Buch „Gesammelte Werke“ mit den Geschichten der Preisträger kauft. Es kostet zwölf Euro und ist unter 06031/68481118 oder per E-Mail an silke.scriba@ovag-energie.de erhältlich.